Leserbewertungen:
Gemixt
Um es vorweg zu sagen: diese durchdacht konzipierte und sorgfältig produzierte Edition macht Musils voluminösen Gedanken- und Figurenkosmos lebendig und ist daher sowohl dem Einsteiger wie dem Kenner des "Mannes ohne Eigenschaften" (MoE) zu empfehlen. Was die weitere Bewertung angeht, finde ich mich in einer schwierigen Lage: die Hörfassung gefällt mir nicht besonders, nur wüßte ich eben auch nicht, wie es besser zu machen wäre.
Vielleicht ließe sich bei der Textgrundlage anfangen, die im Begleitbuch in gedruckter Fassung vorliegt und daher den Vergleich mit dem Roman direkt ermöglicht. Da die Edition es sich zur Aufgabe gemacht hat, möglichst viel von Musils nachgelassenen Kapiteln und Entwürfen zum MoE zu präsentieren, sind Kürzungen des zu Lebzeiten Musils publizierten Textes unumgänglich gewesen. Nur führen sie in manchen Fällen, als Beispiel sei das Kapitel "Spekulationen in Geist à la baisse und à la hausse" genannt, dazu, daß die innere Dynamik und damit die Pointe der Kapitel verlorengeht.
Gelungen scheint mir wiederum die Aufteilung des Textes auf die Sprecher, die den Fluß erhält und zugleich die Zuordnung zu den Figuren deutlich macht. Über die Besetzung der Rollen kann man, wie anders, streiten. Mir scheint Ulrich mit Ulrich Matthes, der mal zu blasiert, mal zu aufmüpfig daherkommt, fehlbesetzt zu sein, und Susanne Wolff ruht stimmlich zu sehr in sich, um Clarisses Phantastik glaubwürdig zu machen. Geradezu ideal besetzt sind hingegen Diotima mit Angela Winkler und Moosbrugger mit Josef Bierbichler.
Aber, wie gesagt, das ist Geschmackssache, was auch für die das Begleitbuch einleitenden Essays ("Zum Remix") gilt, die mir ein wenig zu sehr posieren.
Ganz entschieden beeindruckt haben mich jedoch der Mut, Musils Nachlaß zum MoE in solchem Umfang zu präsentieren, und das Geschick, das die Autoren dabei beweisen. In diesem Teil, der immerhin 9 der 20 CDs umfaßt, wird der Remix das, was er sein will: der Versuch, diesen erratisch erscheinenden Romanblock in Fluß zu bringen. Das gelingt durchaus; selbst dem mit Musils Werk Vertrauten bleiben die Stimmen und Diskurse herausforderund und, obgleich dies Wort zum abgeklärten Essayisten Musil nicht zu passen scheint, aufregend im Ohr.
Ein Hörspiel mit Flügelschlag
Sollten Sie an der schöngeistigen Literatur (in einer starken Definition dieses Begriffs) Gefallen finden, bis jetzt aber von dem gargantuesken Buch mit dem faden Titel abgeschreckt worden sein, so führen Sie sich dieses Hörspiel zu Gemüte, Sie werden es nicht bereuen. Das Hörspiel ist leicht bekömmlich, und es ist gut möglich, dass bei Ihnen danach die Lust auf die Originalvorlage erwacht.
Wien, 1913. Ulrich, ein Mann in seinen frühen Dreizigern hat sich schon bei Militär, als Ingenieur und als Mathematiker versucht und gönnt sich nun ein Sabbatical. Dem Vater geht die Untätigkeit des Sohnes gegen den Strich, und so drängt er Ulrich zur Teilnahme an der Großen vaterländischen Aktion, einem Projekt, das die Feier der 70-jährigen Thronbesteigung des österreichischen Kaisers konzeptionell vorbereiten soll. Vor diesem Hintergrund, aber auch mit einer Reihe von ineinander greifender Nebenhandlungen, wird ein Querschnitt der österreichischen Gesellschaft (vom Stubenmädchen bis zum Hochadel und Großkapital) samt der geistigen Strömungen der Epoche vorgestellt. Eine ganze Reihe von ewigen Fragen werden reflektiert: Freier Wille, Treibkräfte der Geschichte, Determinanten des gesellschaftlichen Erfolgs, das Wesen der Liebe, Gott, mystische Vereinigung mit der Welt. Wir wohnen der Sinnsuche der Protagonisten, ihren Liebesdramen, ihrem Verzweifeln an der Normalität und ihrem Faszination vor dem Wahnsinn bei. Daneben ist das inzestuöse Verhältnis Ulrichs zu seiner Schwester ein wesentlicher Bestandteil des Werks. Der hochreflexive Text wird durch delikate ironische Einschübe aufgelockert. Da ist z.B. General Stumm von Bordwehr (Der Name des Vorgesetztes "Frost von Aufbruch"), mein persönlicher Liebling. Er ist ab der ersten Sitzung der patriotischen Aktion dabei, obwohl niemand weiß, wer ihn eingeladen hat. Der Leiter der Abteilung für Bildungs- und Erziehungswesen im Kriegsministerium hat eine ganz persönliche Sicht auf Dinge.
Das Hörspiel ist dramaturgisch ausgezeichnet umgesetzt, die Musikalität und die eigentümliche Vornehmheit der Romansprache kommen voll zu Geltung. Alle Mitwirkenden, vor und hinter dem Mikrofon, verdienen fünf Sterne. Bravo! Dank dem essayistischen Kern und der formalen und inhaltlichen Dichte ist das Hörspiel sowohl zum fragmentarischen als auch zum wiederholten Anhören sehr gut geeignet.
Hörspielgenuss auf höchster Ebene
Sowohl für Musil-Kenner als auch für Neulinge ist diese bimediale Ausgabe ein Genuss. Der Text des Romans wurde stark gekürzt, sonst wären es vermutlich über 100 CDs geworden. Die zusätzlichen Materialien, vor allem die Musils, sind höchst interessant. Selten wird die Möglichkeit geboten die Entwicklung eines Romans während des Schaffensprozesses zu verfolgen.
Der gepriesene Text Elfriede Jelineks ist sicher etwas für Verehrer ihrer Werke und es wundert einen kaum, welches Thema sie für ihren Essay ausgewählt hat. Ich persönlich konnte damit nicht sehr viel anfangen.
Ein wundervolles Geschenk für alle die Literatur lieben, wirkliche Literatur, welche zum Nachdenken oder gar zum Nacheifern anregt.
Was die Schauspieler betrifft so möchte ich doch, auch wenn's schwer fällt, Ulrich Matthes hervorheben.
Ein Must für diejenige, die Musil lieben.
Hörenqualität ist superlativ.
Die wissenschaftliche ausgearbeitete Text ist klar und bedeutend.
Nur ein Hinweis: es ist nicht für diejenige, die der Mann ohne Eigenschaften nicht gelesen haben.
Es ist berauschend für diejenige, die Musil lieben.
Man kann alles in vier Tagen aushören, ohne müde zu werden.
Besonders gut sind die Agathe, Ulli Meier, und die Clarisse, Susanne Wolff; aber alle die Schauspieler sind besonders zu geniessen.
Die Essay von Elfriede Jellinek ist eine Perle in der "Remix".
Vielleicht wird das Thema Inzest ein bisschen zu viel gehandelt ( ich hätte etwas mehr von "Boxen" und " Fußball" in MOE lieber gehört; vielleicht bin ich keine Genie, wie der Rennpferde in der Buch ist...)
Ich muss es beichten, dass ich endlich das ganze Buch gelesen-bzw. gehört hatte, nach mein x-mal Versuch, es zu machen.
Endlich kenne ich, wie die Ende ist; es hat nämlich keine Ende...
Schade nur, dass der incipit anders von das Musilsche Wetterbericht ist.